Buddhismus & Business Blog

WIe alles anfing - Buddhismus und Business

Wie alles anfing…

Auszug aus “Buddhismus und Business

WIe alles anfing - Buddhismus und BusinessDa saß ich nun am australischen Pazifikstrand im Sand – wenige Stunden nach dem Fallschirmsprung. Laptop auf dem Schoß, auf die tosende Brandung schauend, auf die ich kurz vorher noch im freien Fall aus 4000 Metern luftiger Höhe zugerast war. Auf der Suche nach den ersten Worten für ein Buch, das Sie gerade in der Hand halten. Es war der perfekte Tag, um damit anzufangen.

Der Fallschirmspring-Lehrer hatte gar nicht mehr aufhören wollen zu staunen. Eine Erstspringerin, bei der nicht einmal eine Spur Nervosität oder Angst finden ließ – das hatte er offenbar ziemlich lange nicht erlebt. Vor dem Sprung hatte ich nichts anderes zu tun, als ihn mindestens dreimal zu bitten, möglichst viele Saltos mit mir zu machen und was auch immer sonst noch spannend wäre. Als wir dann in die kleine rote Propellermaschine stiegen, war ich selbst gespannt und wunderte mich etwas, dass ich zwar sehr gespannt auf den Sprung war, mich aber innerlich wie ausbetoniert im positivsten Sinne des Wortes fühlte – tiefe Ruhe. Ich schaute aus den kleinen Seitenfenstern des knatternden Flugzeuges und war hin und weg vor Begeisterung über die Schönheit der australischen Gold Coast von oben. Das türkisfarbene Wasser glitzerte wie Millionen Sterne vor der goldenen, von Hochhäusern gesäumten Strandlinie und dem dichten, grünen Hinterland voller Koalas und Kängurus – die man zugegebenermaßen aus einigen Kilometern Höhe nicht orten konnte. Ich genoss einfach nur in vollen Zügen!

Steve, der Fallschirmlehrer, schaute mich prüfend und grinsend an, ob mir mittlerweile mehr Nervosität anzusehen war – aber ich war zu beschäftigt mit der Aussicht und damit, mich mit einem Freund, der vor den Bauch des anderen Instructors gegurtet war, zu unterhalten und über seine Witze zu kichern. Dann erreichten wir 4000 Meter Höhe. An Steves Bauch gegurtet beantwortete ich seine Frage »Okay, are you ready?« ohne zu Zögern. »Ohhh, yes!« Und schon krabbelte ich schnurstracks auf die offene Tür des Flugzeuges zu, blickte zwischen dem Gestänge der Tragflächen und dem Propeller hinab auf die Gold Coast, die zwischen ein paar Schönwetterwolken eher wie eine Satellitenkarte aussah – und sprang.

Ich wirbelte wirklich ganz ordentlich durch die Luft. Während der ersten paar Sekunden war mir vor lauter Drehungen und Überschläge nicht mehr so ganz klar, wo oben oder unten war. Dann stabilisierten wir unsere Lage und ich genoss den freien Fall. Es war unglaublich! Es fühlte sich einfach so unendlich frei und großartig an – frei von Gedanken – einfach nur große, große Freude tief in mir drin und jede Menge Raum im Geist. Und ein riesiges Gefühl von unendlicher Freiheit, dass mir niemand mehr würde nehmen können. Eigentlich hätte ich einfach die ganze Zeit quieken und schreien können vor Glück – aber das wollte ich den Ohren des armen Steve auf meinem Rücken dann doch nicht antun.

Mit einem Ruck öffnete sich der Fallschirm über mir, und ich erlebte meine erste Vollbremsung  in der Luft – oder zumindest fühlte es sich an, als wären wir mitten über dem funkelnden Meer einfach stehen geblieben. Nun fiel ich nicht mehr in dem rasendem Tempo, dass mir die Haut auf dem Gesicht nach hinten zog – nun schwebten wir über dem Meer und den glitzernden Pools auf den Hochhausdächern am Strand. Plötzlich war es still um uns herum, und die Welt dort unten mit all dem Leben  schien unendlich viel weiter weg als »nur« vier Kilometer. Aber ich hatte noch nicht genug. Schon fing ich an auszuprobieren was geschah, wenn ich an welchem Seil zog und ich machte noch ein paar lustige Saltos und Loopings.

Der Anblick der in der Sonne wie rechteckig geschliffene Smaragde schimmernden Pools auf den Dächern brachte mich gleich noch auf eine weitere Idee: »Steve, können wir nicht statt am Strand in einem der Swimmingpools auf den Hochhausdächern landen?« scherzte ich, und Steve bedauerte lachend, dass das leider nicht möglich sei. Na gut, mitten im goldenen Sand am Strand zu landen war ja auch nicht schlecht!

Matt, der nach uns aus dem Flugzeug gesprungen und nun am Strand glücklich gelandet war, erzählte mir später, er habe noch nie jemanden so gründlich verdutzt schauen sehen wie Steve nach dem Sprung mit mir. Der brauchte in der Tat ein paar Minuten, bis er sein Erstaunen in Worte fassen konnte: »Wow! Du warst wirklich jede Sekunde vor dem Sprung und in der Luft komplett entspannt und hast nicht ein einziges Mal aufgehört, zu lachen… das ist sehr außergewöhnlich. Wirklich beeindruckend!«. Einen alten Skydiving-Hasen mit 15.000 Sprüngen auf dem Buckel zu beeindrucken, hätte ich mir wirklich schwieriger vorgestellt!
Aber es gab jemanden, der noch viel mehr staunte als Steve – und das war ich selbst. Wie oft hatte ich meinen buddhistischen Lehrer sagen hören und gelesen, dass Meditation und buddhistische Sichtweise auf Dauer furchtlos machen und Tausende seiner Schüler gern mal Fallschirm oder Bungy springen. Hörte sich doch irgendwie immer etwas sehr euphorisch und übertrieben an, fand ich. In diesem Moment, als ich mit tiefer innerer Ruhe an Steves Bauch gegurtet aus dem kleinen Flugzeug über der atemberaubend schönen Küste Westaustraliens sprang und dadurch einfach nur jede Sekunde in vollen Zügen genießen konnte – in der Sekunde wusste ich plötzlich, dass es wirklich so ist.

Ich wollte nur noch eins – mich auf der Stelle – und »auf der Stelle« war nun ausgerechnet beim Baden in der nicht ganz ungefährlichen Meeresbrandung des Pazifiks – bei demjenigen zu bedanken, dem ich diese Furchtlosigkeit zu verdanken hatte – meinem Lama! Das ist der tibetische Begriff für einen buddhistischen Lehrer. »Jeden Tag bin ich Dir dankbar – aber heute noch mal doppelt so sehr, falls das überhaupt möglich ist!« Mehr Worte brauchte es nicht. Es wäre auch gar keine Zeit für mehr gewesen. Statt zu antworten lachte er, griff er einfach meine Hand und wir stürzten uns in den Sog der nächsten meterhohen Welle…

aus: “Buddhismus und Business” von Meike Herzog